Wiedereingewöhnung nach Corona
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Brauchen wir eine Wieder-Eingewöhnung?

Je nach Bundesland haben viele Kinder jetzt wochenlang zu Hause gesessen und durften nicht in die Kita gehen. Nun kommen sie nach und nach zurück, aber unter ganz anderen Voraussetzungen – manche fangen komplett wieder an, andere kommen nur an wenigen Tagen oder für kürzere Zeit. Auch die Gruppen sind nun z.T. anders zusammengestellt oder die Tagesabläufe aufgrund der neuen Hygienevorschriften verschoben. Vor ein paar Wochen haben wir ein Gespräch mit unserer Autorin Rebekka Behrendt geführt.

Interview

Redaktion: Frau Behrendt, Sie haben selbst als Erzieherin gearbeitet, sind studierte Kindheitspädagogin und haben gerade ein Buch zum Thema Eingewöhnung geschrieben. Wie sehen Sie die momentane Entwicklung? Brauchen die Kitas ein Stufen-Konzept zur Wiedereröffnung?

Rebekka Behrendt: Diese Entscheidung trifft wahrscheinlich eine übergeordnete Instanz, wie Bund, Land, Stadt oder Träger. Die Erzieher*innen sind dann herausgefordert, darauf zu reagieren.

Wenn es möglich ist, sollten aus pädagogischer Sicht die bisherige Struktur und der Tagesablauf weitestgehend beibehalten werden, sofern sich das einrichten lässt, damit die Kinder möglichst in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren können. Viele Dinge werden unter Umständen trotzdem neu und ungewohnt sein: Durch neue gesetzliche Hygienevorschriften könnte sich einiges ändern, da ist es wichtig, dass so viel anderes wie möglich gleichbleibt.

Redaktion: Besteht die Gefahr, dass Kinder, die gerade erst eingewöhnt waren, sich nun wieder entfremden? 

Rebekka Behrendt: Das Wort „Gefahr“ passt an dieser Stelle nicht ganz. Gefährlich ist eine Entfremdung nicht und ob diese überhaupt stattfindet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie lange war das Kind bereits eingewöhnt? Wie lange bleibt es der Kita fern? Wie alt ist das Kind?

Die Gefahr besteht eher darin, dass man Kinder in dieser Situation überfordert und das Verhalten der Kinder abwertet mit Sätzen wie: „Ach, du kennst doch den Kindergarten.“ oder „Schau mal, die anderen Kinder spielen auch.“ Kinder sind in ihrer Wahrnehmung viel abhängiger vom direkten Erleben. Für sie zählt, was hier und jetzt stattfindet: Jetzt fühlen sie sich unsicher. Jetzt fühlen sie sich ängstlich. Jetzt empfinden sie es als schmerzhaft von den Eltern getrennt zu werden. Jetzt ist es eine unangenehme Situation. Für sie spielt es keine Rolle, dass sie bereits in der Einrichtung und auch eingewöhnt waren.

Kinder sind auf Erwachsene angewiesen. Sie brauchen Sicherheit, Schutz, Versorgung und Geborgenheit. Diese ungewöhnliche Zeit bringt viel Unsicherheit mit sich. Ihre feinen Antennen spüren und sehen, dass sich vieles verändert hat.

Unsere Aufgabe ist es diese Sicherheit wiederherzustellen und die Kinder in ihrem Erleben ernst zu nehmen.

Redaktion: Muss aufgrund der aktuellen Situation davon ausgegangen werden, dass Kinder neu eingewöhnt werden müssen?

Rebekka Behrendt: Man darf nicht vergessen, dass Kinder zwei Umstellungen durchleben. Da ist zuerst einmal die Umgewöhnung auf die neue Situation in der Krise: Plötzlich verändert sich für die Kinder alles. Es ist anders als das, was sie bisher kennen. Viele Kinder haben Zuhause andere Routinen und Rituale oder aufgrund der Situation gar keinen Rhythmus mehr. Und dann kommt die erneute Eingewöhnung in die Kita. Der Alltag dort ist ja vermutlich, trotz aller Bemühungen, ebenfalls nicht mehr, wie er mal war. Darum müssen Kinder die Gelegenheit erhalten, erstmal anzukommen.

Jeder Übergang erfordert eine Begleitung. Veränderungen bedeuten Stress. Dieser Stress kann positiv wahrgenommen werden, wenn man diese Hürde erfolgreich bewältigen kann, oder negativ, wenn es zu viele Unsicherheiten und Ängste gibt. So wie Kinder sich bei ihren ersten Laufbemühungen an Möbeln hochziehen und diese als Geländer benutzen, so benötigen sie die Unterstützung eines Erwachsenen, wenn sie in Situationen geraten, die für sie neu oder emotional herausfordernd sind. So lange, bis sie „alleine laufen können“.

 

Redaktion: Heißt das, dass Kinder eine erneute Eingewöhnung mit den Eltern benötigen?

Rebekka Behrendt: Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Ich vermute, dass die meisten Kinder ihre alte Umgebung und Beziehungen schnell wiedererkennen und sich gleich wohl fühlen. Aber jedes Kind ist anders und nur weil die meisten Kinder so damit umgehen, bedeutet das nicht, dass alle Kinder sich gleich verhalten. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Kinder mehr Begleitung benötigen. Dass es ihnen schwerfällt, sich von ihren Eltern zu trennen, mit denen sie zuletzt so eng zusammen waren. Wenn man als Erzieher*in diese Situation erkennt und den Kindern die Zeit und Sicherheit gibt, die sie brauchen, dann werden auch diese Kinder wahrscheinlich nach kurzer Zeit bereit sein, ihre Eltern gehen zu lassen. Sie müssen jedoch das Gefühl haben, dass sie sicher und gut aufgehoben sind.

Und weiter wird es das eine oder andere Kind geben, das sich krampfhaft an seine Eltern klammert, weint und vehement den Besuch des Kindergartens ablehnt. Ist ein Kind überhaupt nicht bereit, sich auf die Betreuungskraft oder die Einrichtung einzulassen, sollte eine erneute Eingewöhnung unbedingt stattfinden.

Jedes Kind und jede Situation ist anders und benötigt daher ein individuelles Vorgehen.

 

Redaktion: Was können Erzieher*innen tun, um es den Kindern so leicht wie möglich zu machen?  

Rebekka Behrendt: Die beste Möglichkeit Kindern diese Verlässlichkeit zu bieten, ist es, in Beziehung mit ihnen zu treten. In erster Linie sollte jedes Kind mit seinen Eltern ausführlich begrüßt werden. Das gibt den Fachkräften die Gelegenheit, einen ersten Überblick über die Situation des Kindes zu bekommen. Vor allem bei Kindern, bei denen man bereits vermutet, dass ihnen die Umstellung schwerfallen könnte.

Hilfreich ist es, dafür in ein kurzes Gespräch mit den Eltern zu gehen, Fragen zu stellen und sich berichten zu lassen: Wie ging es ihnen während der Zeit? Gab es besondere Vorkommnisse? Wie haben die Eltern ihr Kind zu Hause erlebt? Wie ist das Kind mit der Situation umgegangen? Freut sich das Kind auf den Kindergarten?

Dabei können Sie bereits beobachten: Entfernt sich das Kind von den Eltern? Betritt es selbstständig den Gruppenraum? Verabschiedet es sich von den Eltern? Kann es diese gut gehen lassen? Geht es auf die Erzieher*innen, andere Kinder oder Spielmaterialien zu?

Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kind leicht Anschluss findet. Lassen Sie sich auch vom Kind berichten, was es erlebt hat, wenn es das möchte und nicht die anderen Kinder oder die Räume spannender sind. Bitten Sie die Familien, nach den Schließungen Fotos von zu Hause mitzubringen. So kann die Brücke geschlagen werden!

Redaktion: Es geht ja nun nicht nur um die Kinder, sondern auch um deren Eltern. Was können Erzieher*innen denn tun, um es den Eltern so leicht wie möglich zu machen?  

Rebekka Behrendt: Ich denke, dass es schon nützlich ist, wenn die Eltern bereits vor dem Kitastart darauf hinweisen, dass es sein kann, dass das ein oder andere Kind vielleicht eine erneute kleine Eingewöhnung brauchen wird. Eltern sollten besonders am ersten Tag des Wiederbesuchs mehr Zeit einplanen. Und vielleicht eine Notlösung parat haben oder die Betreuungszeit zu Beginn reduzieren, um das Kind langsam wieder einzugliedern. Des Weiteren sollten die Eltern ebenso in ihren Gefühlen ernst genommen werden, wie die Kinder. Auch ihnen kann es schwerfallen, das Kind wieder in die Kita zu geben. Diese allgemeinen Ängste, die bei der Eingewöhnung auftreten, verstärken sich jetzt noch mit der Angst der Ansteckungsgefahr.

Während die Kinder noch zu Hause sind, können Erzieher*innen die Eltern per Mail mit kleinen Tipps und Ideen sowie mit Grüßen aus dem Kindergarten versorgen. Das sorgt einerseits dafür, dass die Bindung nicht verlorengeht, andererseits kann das Eltern auch helfen, die Zeit zu Hause schön zu gestalten. Gerade die Vorschuleltern erleben im Moment eine große Unsicherheit, wie sie ihre Kinder nun auf die Schule vorbereiten sollen. Unterstützen Sie sie mit kleinen Tipps und Ideen und vielleicht auch einfach mit beruhigenden Worten.

Ein Satz aus meinem neuen Buch lautet: „Eltern fungieren als der Türsteher zum Herzen des Kindes“. Wenn Sie die Eltern gewinnen, dann ist es leichter, auch die Kinder zu gewinnen und umgekehrt. Wenn Eltern erleben, dass es ihren Kindern gut geht, sind sie ebenfalls entspannter.

 

Redaktion: Ist es nicht auch kontraproduktiv, wenn der Kindergarten sich jetzt bei den Kindern meldet? Vermissen sie den Kindergarten dann nicht jetzt erst recht?  

Rebekka Behrendt: Das kann durchaus passieren. Aber ist es schlimm den Kindergarten zu vermissen? Etwas zu vermissen, zeigt, dass es eine Bedeutung im Leben hat. Kinder können hier sogar wertvolle Erfahrungen machen. Die Erfahrung, dass einem etwas so wichtig ist, dass man deswegen weinen muss. Generell gilt, dass Gefühle immer erlaubt sind. Denn nur Gefühle, die die Möglichkeit bekommen ausgelebt zu werden, können auch verarbeitet werden. Wichtig ist es, dass die Kinder mit ihren Gefühlen nicht alleine gelassen werden, dass sie lernen, wie man richtig damit umgeht. Dass man ihnen signalisiert: Ich tröste dich, ich bin auch traurig, ich habe auch schonmal etwas vermisst. Trost ist allgemein etwas, was wir vermehrt in das Leben der Kinder integrieren können. Kinder verstehen unsere Taten viel besser als unsere Worte. Sie dürfen traurig sein. Und sie dürfen erleben, dass es nach dem Vermissen ein Wiedersehen gibt.

 

Redaktion: Worauf müssen die Erzieher*innen sich gefasst machen, wenn die Kinder dann irgendwann alle wieder da sind?  

Rebekka Behrendt: Die Kinder machen in der Zeit zu Hause sehr unterschiedliche Erfahrungen. Denn auch ihre Eltern und Familien gehen unterschiedlich mit der Situation um und stehen vor den verschiedensten Herausforderungen. Außerdem spricht jede Familie anders über das Thema. Es kann sein, dass manche Kinder mehr Redebedarf haben oder sich ungewöhnlich verhalten, weil sie die Situation noch nicht richtig verarbeitet haben.

 

Redaktion: Im Augenblick sind einige Kinder durch das Konzept der Notbetreuung im Kindergarten, andere nicht. Wie kann man die Ungleichheit auffangen, die dadurch entsteht, dass manche Kinder nun kontinuierlich dort sind und andere nicht?  

Rebekka Behrendt: Ich denke, dass dieser Umstand auch eine Chance bietet. Die Chance sich mit einigen Kindern intensiver zu befassen. Und auch die Möglichkeit, Kinder besser zu begleiten, denen der Wiedereinstieg schwerer fällt, indem man die Kinder einbezieht, die bereits in der Kita sind.

Mein Bonustipp, der auch einer meiner Lieblingstipps aus dem neuen Buch ist: Die Kinder, die während der Kitazeit die Notbetreuung in Anspruch genommen haben, als Paten mit einbeziehen. Kinder verstehen Kinder besser, sie vertrauen einander, da sie auf gleicher Augenhöhe sind. Eine gemeinsame Aktivität mit der/dem Erzieher*in und mindestens einem weiteren Kind lässt das Kind spüren, den anderen geht es hier gut, also kann es mir auch gut gehen, auch wenn Mama/Papa wieder gehen muss. Eine Vorbereitung darauf, könnte es auch sein, gemeinsam mit den Kindern aus der Notbetreuung den Kindern zu Hause einen Brief zu schicken.

Autorinnen: Redaktionsteam Verlag an der Ruhr & Rebekka Behrendt

Weitere Ideen zur Eingewöhnung in der Kita findest du hier:

Eine sanfte Eingewöhnung legt das Fundament dafür, dass Kinder wie Eltern sich in der Kita wohl und wertgeschätzt fühlen. Unsere Praxis-Bausteine helfen Euch dabei, ein eigenes Eingewöhnungskonzept zu entwickeln oder ein bestehendes zu evaluieren.  

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