Burn-out in der Kita
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Burn-out im Kita-Team am Beispiel einer Lernsituation

Burn-out – ganz weit weg oder doch nah dran? Es ist wichtig, über solche Themen zu sprechen, bevor sie im eigenen Team zum Thema werden. Aber woher nimmt man den Aufhänger, wenn es gerade keinen akuten Anlass gibt? In der Erzieherausbildung werden dafür häufig Lernsituationen eingesetzt.
Die folgende Lernsituation handelt von professioneller Arbeitsgestaltung im Team und dem Thema Burn-out. Die Geschichte spielt in der fiktiven Kita Himmelblau und regt dazu an, sich selbst mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Sie bietet keine fertigen Lösungen an, sondern eröffnet den Dialog: Wie reden wir über Burn-out? Wie ernst nehmen wir Erschöpfung? Wie professionell gehen wir im Team miteinander um?

Lies einfach mal diese kurze Episode aus der bunten Vielfalt an Storys aus der Kita Himmelblau und lass deinen Gedanken dazu freien Lauf. Denn die Geschichten, die manchmal wie aus einer Seifenoper wirken, stecken voller Chancen, den eigenen Umgang mit schwierigen Themen zu reflektieren und zu lernen.

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Lernsituation aus der Kita Himmelblau: Burn-out und nichts geht mehr

  • Fachthema: Im Team arbeiten – professionelle Arbeitsgestaltung
  • Kita-Protagonistinnen: Antonia (Kita-Leiterin), Jasmin (Berufspraktikantin), Hannah (Erzieherin)
  • Themen, die noch darin stecken: Gesundheitsprävention im Beruf; Supervision


Antonia, die Leiterin der Kita Himmelblau, war am Sonntagabend früh zu Bett gegangen. Ihr Mann hatte schon am Nachmittag eine Dienstreise antreten müssen, sodass sie am Abend allein war und sich nach ein paar ruhigen Stunden bald nach Schlaf sehnte. Das führte dazu, dass Antonia am Montagmorgen schon weit vor 6 Uhr wieder munter war und beschloss, ihren Arbeitstag in Ruhe und früher als nötig zu beginnen. Es war noch nicht 7 Uhr, als Antonia in der Kita eintraf. Sie setzte sich, die Stille im Haus genießend, an ihren Schreibtisch. Sie wollte ein paar Dinge abarbeiten, die liegen geblieben waren, und dachte daran, stattdessen am Nachmittag etwas früher zu gehen, um entspannt einige Besorgungen zu erledigen. Darauf freute sie sich schon jetzt. Um 7 Uhr würden zwei Kolleginnen für den Frühdienst kommen. Antonia konnte sich also gelassen an ihre Schreibtischarbeit machen. Tatsächlich trudelte Jasmin um kurz vor 7 Uhr ein, um die Kita für den Tag zu richten und die ersten Kinder in Empfang zu nehmen. Antonia freute sich über ihre Pünktlichkeit und dachte, dass sich die Berufspraktikantin in letzter Zeit wirklich überaus positiv entwickelte. War Pünktlichkeit in den ersten Monaten nicht Jasmins Stärke gewesen, zog sie nun in Bezug auf Verlässlichkeit und Kollegialität offensichtlich nach. Wunderbar! Antonia begrüßte Jasmin kurz und wendete sich dann schnell wieder ihren Aufgaben zu. Die Minuten verstrichen und Antonia bemerkte nicht, dass Hannah, die ebenfalls zum Frühdienst eingeteilt war, auch um 7:15 Uhr noch nicht in der Kita angekommen war.

Hannah meldet sich

Antonia war sogar so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie jäh zusammenzuckte, als das Telefon neben ihr klingelte. Automatisch nahm sie ab, obwohl um diese Zeit niemand von außen erwarten konnte, dass das Büro besetzt war. Die Eltern der Kita-Kinder wussten, dass es erst ab 7:45 Uhr möglich war, jemanden zu erreichen, um z. B. das eigene Kind wegen Krankheit abzumelden oder etwas zu fragen. Antonia meldete sich. Am anderen Ende sprach Hannah, die Kollegin aus der Rotkehlchengruppe, die eigentlich schon seit 7 Uhr in der Kita hätte sein sollen: „Hallo, Antonia, gut, dass ich dich erreiche!“
Antonia war verwundert: „Hannah, wo bist du? Ich dachte, du wärst längst hier.“
Hannah antwortete in hastigen Sätzen: „Antonia, ich konnte nicht kommen und ich weiß gar nicht, ob ich heute überhaupt kommen kann …“
Antonia fragte: „Was ist mit dir Hannah? Bist du krank?“
Hannah fuhr atemlos fort: „Nein, Antonia, ich bin nicht krank. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit der Situation hier klarkommen soll …“
„Aber was ist denn, Hannah? Beruhige dich doch erst mal!“, versuchte Antonia, Hannah zu einer verständlicheren Erklärung zu bringen.

Hannah redete ungebremst und bemühte sich, Antonia ihre aktuelle Lage zu erklären:

„Also, ich habe mich gestern mit meiner Freundin Marina getroffen. Ein Mädelssonntag sollte es werden. Du weißt ja, dass meine Freundin Marina auch Erzieherin in einer Kita ist. Wir haben zusammen die Ausbildung gemacht und kennen uns schon seit Kindertagen. Sie ist meine engste Freundin und selbst eine supersupertolle Erzieherin. Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie in der Ausbildung gemacht hätte. Sie hat mich immer ermutigt. Ohne sie hätte ich nicht durchgehalten. Jedenfalls: Sie kam gestern her und erst einmal war alles schön. Aber dann hat sie von ihrer Arbeit erzählt. Zuerst ging es um das neue Projekt, das sie angeschubst hat und für das sie brennt. Und dann ging es um das Team. Sie hat mir erzählt, was da los ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es da zugeht unter den Kolleginnen und auch mit der Leitung und wie gekränkt und kaputt Marina ist. Sie quält sich auch noch sehr mit ein paar Kindern, die unter katastrophalen Bedingungen aufwachsen und denen sie nicht wirklich helfen kann, egal was sie probiert. Sie ist einfach total verzweifelt! Sie hat bei mir übernachtet, weil sie so traurig war. Jedenfalls weint sie ununterbrochen, in der Nacht habe ich sie dauernd weinen hören.“

Antonia spürte, dass Hannah in großer Not war, kam aber nicht zu Wort. Hannah redete einfach weiter: „Und heute Morgen wollte Marina nicht aufstehen, obwohl wir ja beide zur Arbeit müssen. Sie weint schon wieder und weint und weint! Sie redet von Sinn und dass das Leben nichts mehr taugt. Ich habe große Angst um sie. Sie kann einfach nichts im Moment! Und ich kann sie so jetzt doch nicht allein lassen. Ich kann es einfach nicht! Ihre Eltern sind momentan im Urlaub und sonst hat sie niemanden, der ihr nahesteht. Bitte, Antonia, ich kann nicht kommen, ich nehme einen Tag Urlaub oder meine Überstunden. Egal, ganz egal! Erst einmal muss ich jetzt bei Marina sein, vielleicht zum Arzt gehen oder irgendwas anderes machen. Ich weiß es selbst noch nicht. Alleinlassen geht jedenfalls nicht!“

Antonia erfasst, worum es geht

Sie kannte Hannah und wusste, dass sie nicht unbegründet nicht zur Arbeit kommen würde. Antonia beruhigte Hannah: „Jetzt kümmerst du dich erst mal um deine Freundin und Berufskollegin! Wir finden schon eine Lösung, wie wir das mit deiner Fehlzeit lösen. Mach dir keine Sorgen, wir kommen hier schon klar! Hilf Marina, bleibe bei ihr, geht zu einem Arzt. Begleite sie ruhig und melde dich, wenn du weißt, wie es weitergehen kann und wann du wieder einsatzfähig bist.“
Hannah atmete tief durch und sagte: „Ach, Antonia, danke, danke für dein Verständnis. Jetzt habe ich den Frühdienst verpasst. Es tut mir so leid! Ich melde mich bald, wenn ich Marina gut versorgt weiß, okay?“
Antonia bestätigte Hannah: „Das mit dem Frühdienst kriegen wir heute schon hin. Jasmin ist längst da und macht alles. Und ich kann ja auch einspringen. Zuallererst kochst du Marina jetzt mal einen starken Kaffee. Dann berätst du mit ihr, wie zu helfen ist. Okay?“
Hannahs Atemlosigkeit milderte sich nach diesen Worten Antonias: „Okay, das mache ich. Danke, danke!“ Ohne weiteren Gruß legte Hannah auf.

Antonia kümmert sich

Antonia brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Dann straffte sie sich, stand vom Schreibtisch auf und steuerte in die Kita-Räume, um Jasmin zu suchen und sie zu informieren, dass Hannah nicht zum Frühdienst kommen würde. Sie besprach mit Jasmin, wobei diese Hilfe brauchte, erledigte selbst ein paar notwendige Arbeiten, die liegen geblieben waren, und blieb, bis die anderen Kollegen und Kolleginnen kurz nacheinander pünktlich angekommen waren. Mittlerweile war es fast 8 Uhr. Die Kinder trafen nun nach und nach ein. Auch wenn Jasmin ein paar Kleinigkeiten nicht geschafft hatte, konnte der Kita-Tag fast ohne Reibungsverluste beginnen. Für die Kinder jedenfalls war gesorgt. Gegen halb neun war es möglich, dass sich Antonia wieder ins Büro zurückzog. Alles ging nun seinen Gang und die Leiterin konnte sich ihren jäh unterbrochenen Büroarbeiten widmen.

Doch Antonia konnte nicht so leicht wieder an ihre Arbeit anknüpfen. Sie spürte noch die Not in ihrem Herzen und in ihren Gliedern, die aus dem Telefonat mit Hannah auf sie übergesprungen war. „Akuter Burn-out“, dachte Antonia und schämte sich ein wenig wegen ihres radikalen Gedankens, der Hannahs vertrauensvolle Beschreibung der Situation ihrer Freundin so schnell in eine Kategorie einsortierte. „Aber“, so dachte Antonia weiter, „Erzieherinnen und Erzieher sind eine Hochrisikogruppe für Burn-out. Ich muss mich um mehr Prävention hier in meiner Kita kümmern! Weiß ich eigentlich, wie es meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht? Frage ich regelmäßig ab, wie die Befindlichkeit ist? Weiß ich, mit welchen konkreten Nöten die Kolleginnen und Kollegen tagtäglich ringen? Weiß ich eigentlich genau, ob alle mit meiner Leitungsarbeit zufrieden sind oder ob sie sich mehr Einfluss wünschen? Was tun wir hier für eine regelmäßige Vorsorge psychischer Gesunderhaltung? Gibt es einen verlässlichen Platz, diese Dinge zu besprechen?“

Antonia beschloss, sich ab sofort um regelmäßige Supervision ihres Teams zu kümmern. Bernd, das wusste sie, würde dem auf ganzer Linie zustimmen. Sie wusste auch, dass das dem Träger abverlangen würde, Geld zu investieren. Trotzdem! Antonias Entschluss, den Träger mit Forderungen zu konfrontieren, stand fest! Sie dachte: „Das ist unbedingt angemessen! Wir brauchen Unterstützungssysteme, die die Belastung bearbeiten und abfangen!

Antonia griff beherzt zum Telefon, um mit Frau Adler, der Bürgermeisterin, darüber zu sprechen. Sie wusste, dass sie gerade heute auf überzeugende Art und Weise erklären konnte, warum der Träger finanziell dafür einstehen sollte, z. B. regelmäßige Supervision als Unterstützungsmaßnahme für das Kita-Team zu finanzieren. Frau Adlers Telefondirektwahl schaltete sich frei und Frau Adler meldete sich sofort …

Wie geht es dir, nachdem du diese Geschichte aus der Kita Himmelblau gelesen hast? Gibt es in deinem Umfeld eine Person, der es ähnlich geht, wie der Freundin von Hannah? Wie ist die Stimmung in deinem Arbeitsumfeld? Nutze deine Impulse für dich und dein Team.

Autorin: Constanze Koslowski

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